Ist Wissenschaft Glaubenssache?

Diese Frage ist zurzeit für uns alle wichtiger denn je: In der Corona-Pandemie haben wir in unserem direkten Umfeld Bekannte, Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunde, vielleicht auch Familienmitglieder, die wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht trauen und als eine Meinung unter vielen abtun.

Ich meine, es stimmt: Wissenschaftliche Argumente können mal mehr und mal weniger gut konstruiert sein und daher auch von wissenschaftlichen Gegenargumenten widerlegt werden. Aber, und da kommen wir schon zum Kern unseres aktuellen gesellschaftlichen Problems: Können wissenschaftliche Argumente auch von nichtwissenschaftlichen Argumenten widerlegt werden?

Nein, da wir sonst Äpfel mit Birnen vergleichen. Das heißt, in den meisten Fällen reden wir und unsere Familie und Freund:innen, die lieber „alternativen“ als wissenschaftlichen Fakten Glauben schenken, aneinander vorbei. Wie sehr wir uns auch in hitzigen Diskussionen anstrengen mögen, wir können nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Da wir von vorneherein unterschiedlichen Glaubens sind.

Moment mal, Wissenschaft soll Glaubenssache sein?

Im Ursprung, ja. Wie genau und warum das auch nicht weiter schlimm ist, erzähle ich euch gerne im Folgenden.

Was unterscheidet das wissenschaftliche vom nichtwissenschaftlichen Argument?

Zu wissenschaftlicher Erkenntnis gelangt man mittels wissenschaftlicher Forschungsmethoden. Wissenschaftliche Forschungsmethoden zeichnen sich durch ein systematisches Vorgehen aus. Systematisch heißt, dass wir nach festgelegten Regeln Phänomene in unserer Umwelt beobachten. Diese Beobachtungen analysieren wir. Anschließend dokumentieren wir den Vorgang unseres Erkenntnisgewinns – damit jede:r die Möglichkeit hat, nachzuvollziehen, wie die Erkenntnis zustande gekommen ist. Systematisch bedeutet also: Ein wissenschaftliches Ergebnis ist nur dann ein nachweisbarer Sachverhalt – ein Fakt – , wenn er auf Beobachtungen in der Umwelt zurückzuführen ist.

Oft haben Menschen, die „alternative“ Fakten verbreiten, jedoch gar kein Interesse daran, ihren Weg zur Erkenntnis nachvollziehbar zu machen – aus dem einfachen Grund, dass sie keinen Zusammenhang zwischen ihrer Beobachtung und ihrer Erkenntnis nachweisen können.

Nehmen wir als Beispiel die Behauptung, dass die Corona-Impfung Frauen unfruchtbar mache. Zum Aufbau der Plazenta ist ein Protein nötig, das dem Spike-Protein des Corona-Virus‘ ähnelt. Es wurde die Vermutung geäußert, dass Antiköper, die durch eine Impfung zur Vernichtung des Corona-Spike-Proteins gebildet werden, nun ebenso das Plazenta-Protein angreifen und vernichten würden. Es ist jedoch bei einer Behauptung geblieben. Weil – wie der Deutsche Welle-Faktencheck[1] berichtet – das Plazenta-Protein zwar dem Spike-Protein ähnelt, aber in unerheblichem Maße: Die Ähnlichkeit ist so gering, dass die Antikörper das Spike- nicht mit dem Plazenta-Protein verwechseln können. 

An dieser Stelle wurde also eine Behauptung aufgestellt und verbreitet, die nicht wissenschaftlich-methodisch an der Realität gemessen wurde: Zur Behauptung der Spike-Plazenta-Protein-Verwechslung gibt es weder ein Phänomen (der Anteil der Unfruchtbarkeit bei Frauen ist infolge der Corona-Impfung nicht gestiegen), noch einen Rückbezug auf eine Beobachtung (die Plazenta-Proteine ähneln den Spike-Proteinen nicht sehr).

Viele Menschen sind mit der Flut an neuen Erkenntnissen überfordert, die wir in den letzten eineinhalb Jahren über das Corona-Virus gewonnen haben. Das liegt auch daran, dass sich in der Berichterstattung oft nicht ausreichend Zeit genommen wird, um den wissenschaftlichen Weg zur Erkenntnis nachzuzeichnen – klar, der ist ja auch oft fachlich sehr speziell und kompliziert.

Es ist wohl kaum zuvor ein wissenschaftlicher Erkenntnisprozess (außer zum Klimawandel vielleicht) so eng von den Medien begleitet worden wie die Erforschung des Corona-Virus‘. Wir können alle ganz gut beobachten, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer mehr Wissen über das Virus produzieren. Was dabei auffällt: Manchmal finden die einen etwas heraus, was sie selbst oder andere später für nicht richtig erklären müssen.

Woran liegt das, und vor allem: Warum ist das nicht schlimm?

Die Welt da draußen ist komplex. OK, das ist uns nicht neu. Aber für den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess ist das eine entscheidende Tatsache:

Es gibt (leider) keine wissenschaftliche Super-Methode, die ein Phänomen wie das Corona-Virus und die Interaktion mit seiner Umwelt schnell, präzise und auf einen Blick umfassend erforschen kann. Stattdessen können sich Wissenschaftler:innen stets nur kleinen Ausschnitten des Phänomens (zum Beispiel dem Spike-Protein des Corona-Virus) oder seiner Wirkung (zum Beispiel dem bevorzugten Sitz der Viren im Atmungsapparat) auf einmal widmen. Wissenschaft ist also Teamwork: Viele Wissenschaftler:innen auf der Welt arbeiten an je einem Puzzlestück – und setzen nach und nach gemeinsam ein großes Bild zusammen.

Klingt doch erst mal gut: Puzzlestücke ergänzen sich doch prima zu einem großen Ganzen!

Wie kann es dann sein, dass sich Forschungsergebnisse widersprechen?

Um ein ganzes Bild zu ergeben, müssen nun erst einmal die passenden Gegenstücke für die einzelnen Puzzlestücke gefunden werden. Und hier ist die Crux an der Sache: Wie genau die Puzzlestücke aus verschiedenen Forschungsprojekten zusammenpassen, das untersuchen die Wissenschaftler:innen in ihren einzelnen Forschungsprojekten im Regelfall gar nicht. Deshalb müssen die Wissenschaftler:innen also zunächst Vermutungen anstellen. Ihre Vermutungen sind jedoch nicht aus der Luft gegriffen: Sie müssen sich auch hier auf bereits bekannte Fakten beziehen und nachvollziehbar machen, wie sich ihr Puzzlestück wahrscheinlich an ein anderes anfügt. Wissenschaftliche Vermutungen müssen erst recht für alle nachvollziehbar gemacht werden, um glaubwürdig zu sein. Bei den Vermutungen handelt es sich jedoch im Gegensatz zu den Puzzlestücken selbst nicht um eine gesicherte Erkenntnis. Die Wissenschaft ist in manchen Bereichen zunächst mit Unsicherheit behaftet: Sie kann sich irren, was die Zusammensetzung der Puzzlestücke angeht.

Ein kluger Schachzug der Wissenschaft ist nun, in neuen Forschungsprojekten exakt jene vermutete Verbindung zwischen den Puzzlestücken systematisch zu untersuchen: Um zu schauen, ob sie wirklich perfekt ineinandergreifen – oder, ob die Puzzlestücke an dieser Stelle doch nicht zusammenpassen.

Das Prüfen vorläufiger Vermutungen ist in der Wissenschaft also ein ganz normaler Vorgang – und überhaupt nicht schlimm, da alle Wissenschaftler:innen wissen, dass man mit vorläufigen Ergebnissen nur eingeschränkt und vorsichtig arbeiten kann.

Warum aber ignorieren nicht wenige Menschen gerade in der Corona-Pandemie die Nachvollziehbarkeit des wissenschaftlichen Arguments?

Das liegt daran, dass auch Wissenschaft ein Stück weit Glaubenssache ist.

Was bei der nichtwissenschaftlichen Argumentation in Bezug auf die Corona-Pandemie und auffällt: Den „querdenkenden“ und „aufgewachten“ Menschen in unserer Mitte ist nicht wichtig, ob sich ihr (fake) „fact“ auf tatsächliche Beobachtungen zurückführen lässt. Im Gegenteil: Sie trauen ihren eigenen Augen und Ohren und denen ihrer Mitmenschen nicht mehr. Was sie sehen, hören, riechen, ertasten und schmecken, scheint für sie nur eine Show, inszeniert von Strippenzieher:innen, die im Verborgenen ihre eigenen Ziele verfolgen. Für sie ist klar: Die herkömmliche Sinneswahrnehmung kann ich nicht mehr als verlässliche Grundlage für meine Behauptungen heranziehen.

Was genau sie jedoch beobachten und mit welcher Methode sie Schlüsse ziehen, um zu ihren „alternativen“ Fakten zu kommen, das legen sie nicht offen – weil sie den systematischen, wissenschaftlichen Weg zur Erzeugung von Fakten von vorneherein ablehnen. Sie verlangen also von uns, ihren Argumenten zu trauen, ohne uns erklären zu können, wie sie zu ihrem Wissen gelangt sind. Klingt eher so, als hätten sie etwas zu verbergen, oder?

Wie wir im Bild des Puzzles sehen, kann die Wissenschaft zu keinem Zeitpunkt alles wissen – und somit nichts in letzter Instanz beweisen. Denn die Welt ist schier unendlich: Wir werden auch in Zukunft unablässig neue Erkenntnisse produzieren mit der Folge, dass vorläufige Vermutungen über den Haufen geworfen werden müssen; vollständig zusammensetzen wird man das große Bild also in absehbarer Zeit nicht.

Das bedeutet, dass auch das wissenschaftliche Weltbild von uns einen Vertrauensvorschuss verlangt. Es verlangt von uns, Unwissenheit aushalten zu können. Es verlangt von uns den Glauben daran, dass wir unseren eigenen Sinnen und Beobachtungen vertrauen können. Genauso verlangen die „Querdenkenden“ den Glauben an das Verborgene, das nicht Sichtbare und das Misstrauen gegenüber der eigenen Wahrnehmung. Insofern ist es doch Glaubenssache, ob man dem wissenschaftlichen oder dem querdenkerischen Weltbild vertraut.

Ich finde jedoch, dass es wesentlich leichter ist, dem wissenschaftlichen Weltbild diesen Vertrauensvorschuss zu gewähren: Weil das wissenschaftliche Weltbild uns an der Entstehung seiner Erkenntnisse teilhaben lässt.

Aber die Fronten bleiben, wie sie bleiben: Man muss die Grundprinzipien wissenschaftlicher Erkenntnis zunächst akzeptieren, um diesen sinnhaft widersprechen zu können. Wenn die „querdenkerischen Fakten“ nicht auf diesen Grundprinzipien bauen, dann können wir auf keine sinnhafte Weise unsere Argumente austauschen: Wir werden weiterhin Äpfel und Birnen vergleichen. Es ist also nicht verwunderlich, dass derzeit ein scheinbar unüberwindbarer Graben durch die Gesellschaft führt.

Eine Frage bleibt für uns deshalb höchst relevant: Auf welchem Glauben wollen wir unsere Gesellschaft gründen? Vielleicht ist es an der Zeit, diese Frage in unserer Gesellschaft noch einmal eingehender zu besprechen. Und dafür braucht es meines Erachtens wissenschaftliche Bildung: Nur wer versteht, wie Wissenschaft funktioniert, kann sich für sie entscheiden.

[1] https://www.dw.com/de/faktencheck-impfmythen-corona-impfung-unfruchtbarkeit-dna/a-57223260; 22.09.2021.


Warum uns die Wissenschaft keine Handlungsanweisungen liefern kann

Im Frühjahr 2016 verbrachte ich viele meiner Abende mit dem preisgekrönten Brettspiel „Pandemie“ (Matt Leacock). Meine WG und ich hatten dafür eine regelrechte Sucht entwickelt.

Ziel des Spiels „Pandemie“ ist es, vier Epidemien in unterschiedlichen Weltregionen möglichst schnell einzudämmen, bevor sie sich zu Pandemien auswachsen. Dazu schlüpfen die Spieler:innen in sieben verschiedene Rollen, um in konzertierter Aktion wirksame Gegenmittel zu entwickeln: als Logistiker, als Sanitäter, als Naturwissenschaftler, als Laborforscherin, als Quarantäne-Spezialistin, als Betriebsexperte für Forschungslabore und als Krisenmanager.

Ich konnte mir damals nicht ausmalen, dass diese Spielwelt jemals zur Realität würde – nun, hier sind wir.

Im Spiel besetzten meine Mitbewohner:innen und ich Rollen, die uns heute in der Corona-Pandemie sehr vertraut geworden sind: Die Rolle der Naturwissenschaftler:innen als Christian Drosten, Sandra Ciesek oder Hendrik Streeck, die Rolle der Laborforscher:innen als Entwickler:innen bei BionTech, Pfizer und Co., die Rolle der Sanitäter:innen als Pfleger:innen auf Intensivstationen, die Rolle der Quarantäne-Spezialist:innen als unsere Gesundheitsämter, die Rolle der Logistiker:innen als Beschaffer:innen von Impfstoff, oder z.B. Gesundheitsminister Jens Spahn in der Rolle des zuständigen Krisenmanagers.
Es ist offensichtlich: Die Rollen, die man als Spieler:in übernehmen kann, sind auf die Bekämpfung der Viren und der sie auslösenden Krankheiten konzentriert.

Damit ist das Spiel „Pandemie“ symptomatisch für unseren wissenschaftlichen Blick auf die Corona-Krise. 

Der wohl bekannteste Wissenschaftler dieser Tage ist Christian Drosten. Christian Drosten ist Virologe, Naturwissenschaftler. Seinen (und mittlerweile auch Sandra Cieseks) News zur Corona-Forschung hören seit Frühjahr 2020 tausende Menschen im wöchentlichen Coronavirus-Update (ARD) zu. Dank den beiden Virolog:innen können wir plötzlich dabei mitreden, wozu uns vorher das wissenschaftliche Verständnis fehlte: Wir benutzen Vokabeln wie „Spike-Protein“, „mRNA“ oder „R-Faktor“ beim Telefonat mit der Freundin; wir halten uns via Skype gegenseitig auf dem Laufenden, welche funktionalen Veränderungen die kommende Virus-Mutante zeigt. Die Frankfurter Rundschau meint gar, das Coronavirus-Update ersetze ein halbes Virologie- oder Epidemiologie-Studium[1].

Wir bekommen live mit, wie die naturwissenschaftliche Forschung gegen das Corona-Virus ankämpft.   

Seit Beginn der Pandemie vor mehr als eineinhalb Jahren hat die Virusforschung die öffentliche Berichterstattung dominiert. Das ist verständlich, denn sie ist existenziell – es ist das Virus, das unsere körperliche Gesundheit akut bedroht. Beide Forschungsbereiche, die Virologie und die Epidemiologie, beschränken sich dabei naturgemäß auf den Bereich ihrer Expertise: Das Virus und dessen Verbreitungsmechanismen.

Das heißt, dass sich die Handlungsempfehlungen, die wir aus Christian Drostens und Sandra Cieseks wissenschaftlichen Einordnungen ableiten, sich auf virus-spezifischen Forschungsergebnissen gründen.

Seit Längerem treten aber die Folgen einer Maßnahmenpolitik und Maßnahmenkommunikation, die sich primär auf die virus-spezifische Körpergesundheit konzentriert, deutlich zu Tage: Nicht alle Bürger:innen sind bereit, Einschränkungen ihrer Grundrechte durch Lockdowns, Ausgangssperren und Eingangsbeschränkungen zugunsten ihrer körperlichen Unversehrtheit zu akzeptieren. Sie tun dies kund, mal analytischer, mal polemischer, mal leiser und mal lauter auf der Straße, im Fernsehen und vor allem in den sozialen Medien.

Aber sind Maßnahmenkritiker:innen alle dem wissenschaftlichen Weltbild entrückte „Querdenkende“?

Nein, das sind sie nicht. Warum?

Der naturwissenschaftliche Blick auf die Pandemie ist weit verbreitet. Erst vor kurzem kündigte zum Beispiel die taz an, in Reaktion auf die Corona-Pandemie eine Wissenschaftsseite einzuführen. Dazu schreibt sie: „Wir bauen unsere Wissenschaftsberichterstattung aus, weil wir meinen, dass Naturwissenschaft – denn die ist im Wesentlichen gemeint – besser verstanden und besser erzählt werden muss“[2]. An anderer Stelle wird gar die – Entschuldigung – verrückte Idee entworfen, den „Star-“ Virologen Christian Drosten als Kanzlerkandidaten zu nominieren (DIE ZEIT[3]). Das zeigt, dass dem naturwissenschaftlichen Wissen eine große Macht zur Lösung unserer all Probleme zugeschrieben wird.

Diese Heilserwartung an die Naturwissenschaft ist aber viel zu hochgegriffen.

Wissenschaftler:innen können sich in ihrer Forschung stets nur kleinen Ausschnitten eines Phänomens (etwa dem Spike-Protein des Corona-Virus‘) oder seiner Wirkung (etwa dem Sitz des Virus‘ in unserem Atmungsapparat) auf einmal widmen. Sie erzeugen mit ihrer Forschung einzelne, kleine Puzzlestücke, die nach und nach zu einem größeren Bild zusammengesetzt werden müssen (für eine genauere Erklärung des Prinzips, s. mein Artikel „Ist Wissenschaft Glaubenssache?“[4]).

Die Wissenschaft ist sich heute einig, dass unsere Welt stetigem Wandel unterlegen und dadurch sehr komplex ist. Ständig treten neue Ereignisse ein und bringen unseren Alltag durcheinander, wie das plötzliche Auftreten des neuartigen Corona-Virus‘. Deshalb sind wir nicht in der Lage, jemals alle Puzzlestücke finden, die unsere Welt zu einem Gesamtbild zusammensetzen. Denn unsere Welt dehnt sich mit dem Universum stetig aus, und so auch das potentielle Wissen über die Welt: Mit jedem Tag, mit jeder Stunde und Sekunde, mit jedem Ereignis kommen zu entdeckende Puzzlestücke hinzu. Ein alles erklärendes Puzzlebild, oder eine „Weltformel“, wie die alten Griechen das Puzzlebild nannten, kann es nicht geben.

Und das ist ein ganz wesentlicher Knackpunkt.

Kehren wir zurück zu unserem Corona-Fall: Mit Fortschreiten der Pandemie und den getroffenen Maßnahmen wurde immer deutlicher, dass nicht nur unsere Körper, sondern auch unser soziales Zusammenleben, unsere Psyche von der Pandemiebekämpfung betroffen ist: Bei Demonstrationen entlädt sich der Frust in Gewalt gegen Ordnungskräfte (Der Spiegel[5]); Ansteckungen erfolgen in hohem Maße vor allem in sozial benachteiligten Stadtvierteln (Stadt Stuttgart[6]); psychiatrische Notaufnahmen sind voll und die Nachfrage nach Psychotherapien ist – auch bei Kindern – infolge der Pandemie so groß wie nie zu vor (aponet.de[7]).

Das zeigt, dass wir mit einer Heilserwartung an die Naturwissenschaft, die Drosten for President ruft, Gespenst hinterherjagen: Dem Gespenst der Weltformel. Wir erwarten von einer einzigen wissenschaftlichen Fachrichtung, dass sie für uns alle Puzzlestücke zur Bekämpfung der Corona-Pandemie sucht, findet und zu einem Gesamtbild zusammensetzt.
Wie jedoch soziale oder gesundheitliche Probleme, die durch virus-spezifische Maßnahmen entstehen, abgemildert oder gar von vorneherein verhindert werden können, über diese Puzzlestücke kann uns die naturwissenschaftliche Forschung keine Auskunft geben.

Das heißt also, mit virus-spezifischer Forschung setzen wir nur einen ganz kleinen Teil eines riesigen Puzzlebildes zusammen.

Gesellschaftswissenschaftliche Fachdisziplinen wie Politikwissenschaften, Philosophie oder Sozialwissenschaften ergänzen naturwissenschaftliche Forschung um ganz wesentliche Puzzlestücke: In unserem Beispiel, welche gesellschaftlichen Nebenwirkungen virus-spezifische Maßnahmen erzeugen oder welche Umstände wir schaffen müssen, damit sie besonders gut wirken. Gesellschaftswissenschaftliche Forschungsergebnisse sind deshalb für uns alle genauso relevant wie naturwissenschaftliche und ein Teil unseres Puzzles.
Und die Gesellschaftswissenschaften sind aktiv: Schon im März 2020 lieferte beispielsweise der Deutsche Ethikrat eine ad hoc-Stellungnahme zur Bekämpfung der Pandemie[8] und damit eine wichtige Entscheidungshilfe für die Regierung. Auch Psycholog:innen[9] unterbreiteten Vorschläge und die Nationale Akademie der Wissenschaften[10] wies auf Möglichkeiten des gesellschaftlichen Umgangs mit der Pandemie hin.

Entscheidungshilfe, Vorschläge, Möglichkeiten – das klingt erstmal nach einem recht zaghaften Engagement der Gesellschaftswissenschaftler:innen, oder? Erwarten wir von der Wissenschaft nicht Eindeutigkeit? Erwarten wir nicht, dass sie uns sagen kann, was das Gebot der Stunde ist?

Diese Erwartung an die Wissenschaft ist auf der einen Seite für uns Wissenschaftler:innen ja schmeichelhaft – auf der anderen Seite aber fatal.

Wenn wir davon ausgehen, dass es die Weltformel nicht gibt, können wir zu keinem Zeitpunkt wissen, welche Puzzlestücke uns für eine hypothetische, vollständige Erkenntnis noch fehlen. Das heißt auch, dass unser aktueller Wissensstand immer nur vorläufig ist– morgen schon könnte eine Forscherin ein weiteres Puzzleteil entdecken, das unser bisheriges Stückwerk in einem anderem Licht erscheinen lässt.

Ein Beispiel: Die Virologie mag ermitteln, dass das Virus sich über Tröpfchen verbreitet. Die Regierung mag auf diese naturwissenschaftliche Analyse hin durch Schließung öffentlicher Orte den Tröpfchenaustausch zwischen Menschen eindämmen wollen.

Gesellschaftswissenschaftliche Ergebnisse mögen jedoch darauf hinweisen, dass sich Ansteckungen trotz Schließung öffentlicher Orte in manchen Stadtvierteln häufen – weil viele Personen auf engem Raum leben und sich nicht mehr aus dem Weg gehen können. Welche Maßnahmen hätte die Regierung erlassen können, wenn die gesellschaftlichen Umstände einer naturwissenschaftlich begründeten Maßnahme sozialwissenschaftlich kalkuliert worden wären? Hätte man mit öffentlichen Freiluft-Angeboten die Ansteckungsrate insgesamt gar senken können?

In diesem Beispiel wird deutlich, dass beide wissenschaftliche Bereiche, die Naturwissenschaft und die Gesellschaftswissenschaft, wichtige Beiträge für ein gutes Management in der Pandemie liefern.

Vor allem aber, dass keine wissenschaftliche Fachrichtung allein – weder die Virologie, noch die Epidemiologie oder Gesellschaftswissenschaft – über die Weltformel für eindeutige, erlösende Handlungsanweisungen verfügt.

Und das ist eine Erkenntnis von großer Tragweite. Sie bedeutet nämlich, dass die Politik sich keinesfalls von nur einer einzigen (naturwissenschaftlichen) Perspektive bei ihren Entscheidungen leiten lassen sollte. Sie muss sich bewusst sein, dass sich alternative Szenarien und Lösungswege ergeben, wenn sie wissenschaftliche Erkenntnisse anderer Fachrichtungen einbezieht.

Und hier muss auch die Wissenschaftskommunikation – auch als wissenschaftliche Politikberatung – ihrer Verantwortung nachkommen: Sie muss deutlich sagen, dass der aktuelle Wissensstand nur ein vorläufiger ist; dass ihre Ergebnisse nur aus einer Perspektive, d.h., der naturwissenschaftlichen oder sozialwissenschaftlichen oder philosophischen, sprechen; dass es möglich ist, dass wir schon morgen durch neue entdeckte Puzzleteile einen anderen Blick auf die Dinge haben; dass wir als Gesellschaft schon morgen deshalb unsere Entscheidungen überdenken und Maßnahmen ändern müssen; dass die Wissenschaft eben keine eindeutigen Handlungsanweisungen liefern kann.

Deshalb ist verantwortungsvolle Wissenschaftskommunikation ein wichtiger Teil unserer demokratischen Gesellschaft.

Eine Wissenschaftskommunikation, die die Grenzen ihres Wissens öffentlich anerkennt und erklärt, macht es uns und unseren Politiker:innen leichter, Erkenntnisse aus anderen Fachbereichen zu berücksichtigen; sie macht es den Politiker:innen auch leichter, Änderungen oder Kehrtwenden von Maßnahmen zu erklären; sie macht es aber auch vor allem uns als Gesellschaft leichter, miteinander zu diskutieren, für welche der vielen möglichen Maßnahmen wir uns entscheiden möchten. Genau deshalb sind Maßnahmenkritiker:innen keine entrückten Querdenkenden, solange sie sich im Diskurs auf wissenschaftliche Erkenntnis jedweder Fachrichtung beziehen.

Dabei haben auch wir als Gesellschaft eine Pflicht: Wir müssen die Unsicherheit vorläufiger Erkenntnis aushalten lernen. Wir müssen eine realistische Erwartung an den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess entwickeln. Und wir müssen unserer Verantwortung nachkommen, uns aktiv in die Diskussion um verschiedene Lösungswege einzubringen.
Das geht nur, wenn wir die wissenschaftliche Bildung stärker in unserem Bildungskanon verankern. Vielleicht sollten wir als erstes mal anregen, die Rolle der Gesellschaftswissenschaftlerin in die vierte Erweiterung von „Pandemie“ einzuführen.


[1] https://www.fr.de/wissen/coronavirus-experte-virologe-christian-drosten-mann-nicht-laechelt-13608287.html; 05.10.2021
[2] https://taz.de/!5804875/; 13.10.2021
[3] https://www.zeit.de/2020/13/coronavirus-wissenschaft-auswirkung-auf-politik-virologen-christian-drosten-alexander-kekule?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F!); 13.10.2021
[4] https://www.linkedin.com/pulse/ist-wissenschaft-glaubenssache-dr-anna-barbara-heindl/
[5] https://www.spiegel.de/politik/deutschland/demos-gegen-corona-massnahmen-warum-werden-rechtsverstoesse-geduldet-a-781847d8-0312-4610-b277-bc107d32f8a9; 20.10.2021
[6] https://www.stuttgart.de/pressemitteilungen/2021/mai/corona-studie-zeigt-welche-strukturen-ausbreitung-beguenstigen-buergermeisterin-dr.sussmann-wir-werden-in-strukturschwachen-vierteln-unsere-aufklaerung-intensivieren.php; 20.10.2021
[7] https://www.aponet.de/artikel/kinder-und-jugendliche-60-prozent-mehr-anfragen-fuer-psychotherapie-23291; 20.10.2021
[8] https://www.ethikrat.org/fileadmin/Publikationen/Ad-hoc-Empfehlungen/deutsch/ad-hoc-empfehlung-corona-krise.pdf; 20.10.2021
[9] https://leibniz-psychology.org/fileadmin/user_upload/Empfehlungen_Corona_Politik_und_Medien.pdf; 20.10.2021
[10] https://www.leopoldina.org/uploads/tx_leopublication/2020_Leopoldina-Stellungnahmen_Coronavirus-Pandemie_1-7.pdf; 20.10.2021 


Was Wissenschaftler:innen für den außeruniversitären Arbeitsmarkt wertvoll macht

Die Wissenschaft bietet nur einem Bruchteil seiner Beschäftigten eine dauerhafte Perspektive. Deshalb gibt es viele Menschen, die sich nach der Promotion oder einigen Jahren als etablierte Wissenschafler:in beruflich neu orientieren müssen, wie die #ichbinhanna-Debatte eindrücklich zeigt.

Viele Akteur:innen malen dabei besonders für diejenigen, die länger in der Wissenschaft verbleiben, ein düsteres Bild: Sie sagen, je länger Wissenschaftler:innen im wissenschaftlichen System arbeiteten, desto schwerer fiele es ihnen, in den außeruniversitären Arbeitsmarkt einzusteigen. Beim Deutschen Zentrum für Wissenschafts- und Hochschulforschung (DZHW) jedoch einmal nachgefragt: Es gibt gar keine Daten, die diese Befürchtung belegen oder widerlegen können. Laut Bundesagentur für Arbeit ist die Arbeitslosigkeit unter Akademiker:innen (schließt alle Absolvent:innen unterhalb der Promotion ein) auch trotz der Corona-Pandemie relativ gering mit 2,6% (2020).

Wissenschaftler:innen sind es gewohnt, auf dem universitären Arbeitsmarkt ihre (am besten singuläre) thematische Spezialisierung als DAS ausschlaggebende Argument für eine Dauerstelle zu betrachten. Dieses Denken nehmen viele in den außeruniversitären Arbeitsmarkt mit. Deshalb verunsichert viele Wissenschaftler:innen der erste (nötige oder freiwillige) Schritt: Sie fragen sich allzu oft:

"Was kann ich eigentlich bieten, wenn mein spezialisiertes Fachwissen nicht mehr mein Unique Selling Point ist?"

Hochspezialisiertes Fachwissen ist nämlich nicht das, was Unternehmen (meistens) an Quereinsteiger:innen interessiert. Denn (Fach-)Wissen kann sich heute jede:r viel leichter und selbstständiger im nötigen Umfang dank der Digitalisierung aneignen.

Wissenschaftler:innen sollten deshalb auf ihre "garantierten" Kompetenzen schauen, die sie von anderen Personen auf dem Arbeitsmarkt unterscheiden und für viele Unternehmen sehr wertvoll machen. Expert:innen nennen sie "transferable skills". Einige davon habe ich euch im obigen Schaubild zusammengestellt. 

Liebe Wissenschaftler:innen, die ihr wechseln möchtet oder müsst: Habt den Mut, von eurer fachlichen Spezialisierung abzurücken und eure ganz persönlichen Kompetenzen in den Vordergrund zu stellen!